Geschichte

GedenkbuchDie Namen der Vergessenen
Übergabe des Gedenkbuches für Opfer der NS-Krankenmorde in Buch
Selma Brendel, geboren 1898, war eine Kaufmännische Angestellte aus Breslau. Sie zog in den 1920er Jahren zu ihrem Mann nach Berlin. Nach einem familiären Schicksalsschlag wurde sie 1931 in der Charité aufgenommen. Die Ärzte diagnostizierten eine »Angstpsychose«. Man überwies die junge Patientin schließlich nach Buch in die III. Heil- und Pflegeanstalt. Doch eine Besserung trat nicht ein. Nach 5 Jahren in der Nervenheilanstalt reichte ihr Ehemann die Scheidung ein. Alle Stränge in die Außenwelt waren damit abgerissen. 1940 wird die Frau nach Obrawalde und von dort in eine Tötungsanstalt verlegt. 1941 ist Selma Brendel tot.
Ihr Name und ihre Lebensdaten finden sich auf S. 23 des »Gedenkbuches für die Opfer der NS-Krankenmorde der III. Heil- und Pflegeanstalt Berlin-Buch«. Außer Selma Brendel sind hier 2923 weitere Namen von Bucher Patienten aufgeführt – sie alle wurden zwischen dem 01.09.1939 und dem 08.05.1945 ermordet.

Am 16. Februar ist das Gedenkbuch in einer feierlichen Veranstaltung in der Akademie der Gesundheit in Buch vorgestellt und an den Pankower Gesundheitsstadtrat Dr. Torsten Kühne übergeben worden. Es ist nur ein vorläufiger Schlusspunkt. Die Seiten müssen fortgeschrieben werden, denn noch haben längst nicht alle Bucher Opfer ihren Namen zurückbekommen…

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Über die Ausgrenzung von Menschen
Wie umfassend Menschen »fremden« Blutes im Nazireich ausgegrenzt wurden, macht noch heute fassungslos

Wenn mir als Kind etwas unverständlich geblieben ist, war es die »Rassenfrage«. Das hat sich übrigens bis heute nicht geändert. Warum durften sich Juden nicht auf Parkbänke setzen und mussten in öffentlichen Verkehrsmitteln stehen? Und warum durften sie keine Behörden aufsuchen, warum verloren Ärzte ihren Doktortitel und durften sich nur noch »Behandler« nennen?
Nie sah ich irgendwo einen Juden, der auch nur eine Spur Ähnlichkeit mit den damals üblichen Karikaturen hatte. Im Gegenteil: der einzige jüdische Junge, den ich je bewusst gesehen habe, ähnelte einem Prinzen aus dem Märchenbuch! Woher ich wusste, dass der Junge ein Jude war? Er trug den gelben Stern auf der Brust! Der Stern musste vom 6. Lebensjahr an getragen werden.
In der deutschen Bevölkerung gab es große Zustimmung für diese Maßnahmen. Viele Deutsche bereicherten sich an der Not ihrer jüdischen Nachbarn, andere schauten weg, wenige halfen. Die Maßnahmen gegen Juden waren nicht nachvollziehbar. Mir kamen diese Menschen eher als etwas Besonderes vor. Ihre Bücher durften nicht gelesen, ihre Musik nicht gehört und ihre Bilder nicht an die Wand gehängt werden.
Die jüdische Bevölkerung Deutschlands – und nicht nur diese – war schwersten Repressionen ausgesetzt. Ab 1938 spitzte sich ihre Lage entschieden zu. Die Juden  mussten ihr Vermögen, Wertpapiere, Schmuck abgeben, insgesamt ein Sühnegeld von 1 Mrd. RM für den Mord an dem jungen deutschen Diplomaten von Rath in Paris zahlen. Jüdische Kinder durften keine deutschen Schulen besuchen und nicht studieren, kein Jude durfte Sport treiben, nicht baden gehen, noch Kahn fahren. Sie durften weder Theater, Konzerte, Kinos oder Ausstellungen besuchen, mussten  Radios, Telefone, Autos, Führerscheine, Fahrräder, Woll- und Pelzsachen sowie überflüssige Kleidung abgeben. Sie durften keine öffentlichen Telefone benutzen, ihr Wohngebiet nicht verlassen, öffentliche Verkehrsmittel nur mit Genehmigung be- nutzen, sich nur zu bestimmten Zeiten in der Öffentlichkeit aufhalten, lediglich zwischen 15 bis 17 Uhr einkaufen und nicht die Wohnungen von Christen aufsuchen. Sie bekamen sehr reduzierte  Lebensmittelzuteilungen, aber kein Fleisch, keine Eier, keine Milch.
Und doch fanden sich immer wieder stille und mutige Helfer. In Berlin-Buch überlebten Dr. Schönebeck im Viereckweg 26 und die junge Anna Boros im Röbellweg 141 durch den Mut von Nachbarn und den ägyptischen Arzt Mod Helmy die schlimmste Zeit rassistischer Verfolgung…


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